Viagra® wird 10 Jahre alt
Der Stern schreibt darüber, wie sich das Sexleben verändert hat durch Viagra & Co. Es kommen Menschen zu Wort, die dieses Medikamente benutzen. Klingt erst mal interessant.
Da ist das Paar, welches keinen Sex hatte, obwohl beide Partner ‘wollten’. Es stellte sich heraus, dass der Mann unter Versagensangst litt. Auch Viagra half nicht wirklich, und so kam es zur Paartherapie.
Nach meinen Erfahrungen in der Arbeit mit Männern, ist es tatsächlich so, dass ‘Mann’ beim Sex unter Druck geraten kann. Schliesslich geht es darum seinen Mann zu stehen! Potenz und Selbstwert sind oft nicht allzu weit voneinander entfernt.
Es gibt 2 Dramen im Leben des Mannes. Das erste ist, wenn eine Erektion gefordert ist, aber nicht eintritt. Das zweite Drama ist, wenn keine Erektion erlaubt ist, aber trotzdem auftritt.
jetzt.sueddeutsche.de: Angst vor spontaner Erektion?
Versagensangst kann unterschiedlichste Ursachen haben. Frühe Erfahrungen prägen den eigenen Umgang mit der Sexualität. Ablehnung der männlichen Rolle, erlebte Grenzverletzungen, hoher innerer Erwartungsdruck, mißglückte Versuche in der Liebe (das erste mal geht nicht immer gut…), Perfektionismus, Stress in der Beziehung oder im Beruf – es gibt viele Quellen der Angst vor Versagen.
Angst setzt hier einen Teufelskreis in Gang. Auf der Gefässebene betrachtet ist die Erektion ein Akt der Entspannung. Blutgefässe erweitern sich, füllen sich und führen zur Versteifung des Penis. Nun ist Angst der Feind jeder Entspannung. Entspannung und Angst können nicht gleichzeitig bestehen. Die Erektion bleibt aus oder unvollständig, der innere Druck wächst und man weiß nicht mehr ein noch aus. Stress pur! Dann bleiben die typischen Muster der Stressbewältigung. Nach dem Motto ‘fight or flight = Angriff oder Flucht’ wird die Partnerin angegriffen oder man entzieht sich der Situation, um nur die gängigsten Strategien zu nennen.
Sich der Situation zu stellen ist nicht einfach. Wie soll man diesen Teufelskreis durchbrechen? Es bräuchte gute Erfahrungen. Es braucht Erlebnisse, die das Vertrauen in die eigene Männlichkeit wieder herstellen. Es braucht Zeit und Unterstützung. Die Sexualtherapie bietet hier einige Möglichkeiten. Offene Gespräche im sicherem Rahmen und unter profesioneller Anleitung sind hilfreich. Sich den Ängsten zu stellen ist ein Weg aus der Vermeidungsfalle. Klarheit über die eigenen Erwartungen und die Erwartungen der Partnerin zu erlangen, kann entspannen.
Aber manchmal braucht man konkrete körperliche Erfahrungen, um das Vertrauen zu sich selbst wieder zu erlangen. Als Körpertherapeut weiß ich nur zu gut, wie wichtig die Rückmeldung auf der körperlichen Ebene ist. Körper und Geist sind eine Einheit und brauchen einander. Gerade bei frühen Störungen ist der Weg der Kognition schwierig. Der Zugang über den Körper ist wesentlich direkter.
Und hier kommen Viagra®, Cialis®, Levitra® und wie sie alle heißen ins Spiel. Diese Medikamente können helfen, auf einer körperlichen Ebene die Erektionsfähigkeit zu unterstützen. Und so kann manchmal der Teufelskreis unterbrochen werden. Fehlende Erfahrungen – also das Erleben von Vereinigung, Entspanung im Kontakt, Spüren der eigenen körperlichen Potenz – können gemacht werden. Das Erleben dieser Erfahrungen auf der körperlichen Ebene kann einen Prozeß der Heilung initiieren.
Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Ich arbeite in meiner Praxis nur mit psychotherapeutischen Methoden und gebe keine Medikamente. Diese Option muss mit dem behandelnden Hausarzt oder Urologen besprochen und abgestimmt werden. Medikamente zu nehmen ist auch nicht der einzige Weg, sondern eine Möglichkeit unter Vielen.
stern.de: Zehn Jahre Potenzpille
Übrigens sagen nur 4% aller Menschen, dass Sie persönlich von Potenzproblemen betroffen sind. Seltsam, dass Viagra & Co. dennoch so gut verkauft werden und der Marktwert der entsprechenden Pharmafirmen wie Pfizer oder Bayer sich so gut entwickelt hat.
PS: Zu dem Artikel des Stern: Als weiteres Beispiel wird da der schwule Mann beschrieben, welcher Viagra benutzt, um besseren Sex außerhalb seiner festen Partnerschaft zu erleben. Klingt sehr nach Klischee – oder? Der Artikel bestätigt das gängige Vorurteil, dass ‘der Schwule an sich’ nicht zu monogamen Partnerschaften fähig ist, sondern immer und überall Sex sucht. Dazu nimmt er sogar Viagra und andere Substanzen zur Hilfe. Ich mag solche vereinfachten Weltbilder nicht. Hier wird der Boden bereitet für Abwertungen und Intoleranz. Nach meinen Erfahrungen in der Paar- und Sexualtherapie gibt es Außenbeziehungen sowohl bei heterosexuellen Paaren als auch in homosexuellen Partnerschaften.