Spiritualität in der Psychotherapie
Die Zeitschrift ‘Psychologie Heute’ beschäftigt sich in ihrer Februarausgabe mit dem Thema ‘Spiritualität in der Psychotherapie’. Auch in meiner Arbeit gelange ich immer wieder an die Frage: Welche Rolle spielt Spiritualiät in der Therapie?
Eine Grundlage der Hakomi-Methode ist die Selbsterforschung in einem Zustand von Innerer Achtsamkeit. Diese Innere Achtsamkeit wird derzeit in Fachkreisen immer mehr beachtet und Kurse zur Stressbewältigung durch Innere Achtsamkeit nach Kabbat-Zinn erfreuen sich grosser Nachfrage. Kabbat-Zinn gebührt der Verdienst, das Prinzip der Inneren Achtsamkeit im therapeutischen Kontext ausführlich und nach wissenschaftlichen Kriterien erforscht und validiert zu haben.
Nun ist die Innere Achtsamkeit in vielen östlichen spirituellen Traditionen verwurzelt und auch die westliche Religion kennt in der Kontemplation einen Zustand, welcher der Achtsamkeit zumindest ähnlich ist. Bedeutet das nun, dass die erlebensorientierte Psychotherapie – die Hakomi-Methode – eine spirituelle Psychotherapie ist?
So einfach ist es nicht. Eine entscheidende Frage ist, mit welchem Ziel die Innere Achtsamkeit eingesetzt wird.
Selbsterforschung ist das Ziel der Therapie. Das Erkennen der inneren Bewegungen. Das Entdecken dessen, was immer wieder und völlig automatisch abläuft im Inneren. Die Emotionen, die in ganz bestimmten Situationen entstehen. Man kann auch sagen: Es geht darum zu erforschen, welche Teile in mir aktiviert werden. Therapie kann bedeuten, herauszufinden was denn diese Anteile antreibt. Und was es brauchen würde, um alle Teile in diesem inneren Bild zu integrieren. Ausgehend von der Idee, dass Integration aller Teile – der ’schönen’ und der ‘hässlichen’ Teile – ein Schlüssel sein könnte für ein gesundes und zufriedenes Erleben.
Spiritualität geht über das Ich hinaus. Je nach Ausrichtung bedeutet Spiritualität die Einswerdung mit etwas grösserem. Ein buddhistischer Lehrer sagte mir:
Das Problem ist, dass wir uns alle getrennt fühlen. Das ist eine Illusion. Wir sind verbunden mit allem was uns umgibt. Es gibt keine Trennung. Wir sind schon Eins. Aber wir strengen uns sehr an, das nicht zu bemerken.
Daniel Odier
Spiritualität beinhaltet ein Loslassen des Ichs. Man könnte die Desidentifikation als ein Ziel des sprituellen Weges bezeichnen. Wenn nun Therapie und Spiritualität vermengt werden, ensteht eine Quelle der Verwirrung. Die Versuchung ist gross, genau das loslassen zu wollen, was sowieso nicht als zugehörig erlebt wird.
Gerade in esoterischen Kreisen wird beispielsweise argumentiert: ‘Du musst diesen Zorn loslassen!’ Aber gerade dieser ‘Zorn’ macht vielleicht wirklich Sinn. Es gibt Gründe für diesen Zorn. Mag sein, dass diese Gründe weit zurückliegen in der persönlichen Geschichte. Mag sein, dass dieser ‘Zorn’ in der jetzigen Realität fehl am Platz ist. Aber es ist wichtig, auch diesen ‘Zorn’ als mir selbst zugehörig zu erfahren.
Also zuerst Ganz-werden durch Integration. Und dann Transzendenz durch Desidentifikation. Die Reihenfolge ist wichtig.