Neugier und Angst

Immer, wenn wir etwas verändern, gelangen wir an eine Schwelle. Um das Neue zu entdecken, müssen wir unseren begrenzten Bereich – die sogenannte Komfortzone – verlassen. Oder zumindest die Grenze ein wenig dehnen und verschieben. So funktioniert Wachstum. Kinder machen uns genau das vor. Jeden Tag rennen sie gegen Grenzen an. Die Grenzen der eigenen Fähigkeiten – die Begrenzungen, die Erwachsene in mehr oder weniger guter Absicht aufzeigen – ja sogar die Grenzen des eigenen Körpers werden jeden Tag ein wenig gedehnt.

…Hier sind wir: an einzelne Augenblicke in der Ewigkeit geklammert – ein Schimmer von Staunen und Befremdung. Staunen…unsere anfanglose Erleuchtung – unser natürlicher Zustand. Befremdung…momentaner Vertrauensverlust in unseren natürlichen Zustand. Wir versuchen zu unserer offenen Dimension zurückzukehren…und schaffen die Illusion der Dualität. Sobald sich die Illusion der Dualität in die Existenz eingeschlichen hat, entsteht bodenlose Angst – wie Wind aus heiterem Himmel…
Aus dem Nyi-da Mélong, Tantra im Aro gTer

Begreift man Psychotherapie als einen Weg des Wachstums, dann wird klar, dass der Kontakt mit diesen Grenzbereichen ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit ist. Es gilt die Neugier wieder zu entdecken. Die Neugier, die uns an die Grenze bringt, um zu schauen, was denn wohl dahinter liegt. Das Neue. Das Unbekannte.

An diese Grenze zu treten, macht naturgemäß Angst. Eine Portion Angst ist gut an dieser Stelle. Angst schärft die Sinne, Angst macht wach. Solange die Angst nicht zuviel ist. Zuviel Angst ist lähmend. Dann geht es nicht weiter.

Um Neugier zu entwickeln, braucht es Entspannung. Entspannung als der Zustand, aus dem heraus ich neugierig um mich schauen kann. Anspannung ist eher fokussiert – der Blick ist auf eine bestimmte Richtung ausgerichtet. Entspannung bedeutet, einen größeren Bereich wahrzunehmen. Der Blick ist entspannt und der Wahrnehmungsbereich wächst.

Es ist also alles ein Frage der Balance. Gute Psychotherapie schafft es, Zustände von Entspannung zu kreieren. Aus diesem Zustand heraus entsteht dann der Weg zum Neuen – zur Veränderung alter Muster, die eben manchmal hinderlich sind. Die Methode der Achtsamkeit ist, aus meiner Sicht, wirklich sehr nützlich dabei diese Zustände von Entspannung zu begünstigen. Achtsamkeit schafft die Möglichkeit der neugierigen Betrachtung des eigenen Erlebens und Handelns. Die Veränderungen aus der Achtsamkeit heraus sind integrativ und gewaltlos.


Über

Volker Kalmbacher
Praxis für körperorientierte
Psychotherapie & Coaching in Karlsruhe

Heilpraktiker für Psychotherapie
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