Samstag, vor 8 Uhr, - 4° C

Kletternder Mann - Geschlechtszugehörigkeit

Samstag, vor 8 Uhr, - 4° C - Die Welt der Männer?

Heute morgen, auf der Jagd nach den Croissants auf dem schönsten und beliebtesten Marktplatz Karlsruhes, ist es mir aufgefallen: Es gibt sie noch - die Welt der Männer. Bei Barista Bono stehen 4 Männer in der Eiseskälte und diskutieren über eine Stoppuhr, die einen Anschluss für einen Thermosublimationsdrucker hat, um Rundenzeiten für Sportwagen zu dokumentieren. Hier wird die Brühzeit des - natürlich handgebrühten - Kaffees gemessen. Notwendigerweise stehen auch 2 digitale Waagen parat, um die Menge des Kaffeemehls auf das Gramm genau zu bestimmen. 10 Gramm oder 11 Gramm? Kaffee kochen ist eine Wissenschaft, wenn Männer den Kaffee zubereiten.

Rund um den Marktplatz begegnen mir weitere Männer - Hand in Hand mit ihren Sprösslingen, die es sichtlich geniessen mit Papa durch die Straßen zu ziehen. Dabei strahlen die Mädchen genau so wie die Jungs. So eine exklusive Vaterzeit gibt es wohl besonders häufig - oder auch nur - am Samstagmorgen.

Zurück im Haus dasselbe Bild: der Manager aus dem Erdgeschoss schwingt sich auf sein Fahrrad, der Professor aus dem 1. OG kommt bereits mit Kapuzenshirt vom morgendlichen Ausflug zurück. Ansonsten ist Stille im Haus.

In der Jungenarbeit stellt sich immer wieder die Frage: Was ist männlich? Das wissen viele Jungs nicht. Jungen, die ihre Väter nur als Versorger kennen, die das Haus früh verlassen und spät wiederkommen, wissen nicht was Männlichkeit bedeutet. Jungen, deren Väter am Abend nicht wirklich anwesend sind, weil sie all ihre Kraft im Beruf gegeben haben, spüren nicht, wie sich männliche Präsenz anfühlt. Jungen, die nicht erleben, wie Mutter und Vater einander herzlich begegnen, erfahren nicht wie Mann und Frau miteinander in Beziehung treten können.

Die Welt von Jungen ist eine Welt der Frauen. Je jünger die Jungs sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Alltag von Frauen umgeben sind. Zuhause ist die Mutter in den meisten Fällen wesentlich mehr anwesend als der Vater. Bei Alleinerziehenden ist das noch ausgeprägter. In der Kita oder im Kindergarten sind männliche Bezugspersonen eher Einzelfälle oder Randerscheinungen. Viele Erzieherinnen, mit denen ich gesprochen habe, benennen diesen Mangel. Sie erleben täglich die Sehnsucht der Jungs nach dem Männlichen. Allerdings scheitern sämtliche Versuche, Männer in die Arbeit mit Kindern zu integrieren, an dem grundsätzlichen Misstrauen vor dem Männlichen. Ein Mann ist, per-definition, jemand, der übergriffig wird. So dürfen männliche Erzieher in manchen Einrichtungen, die Kinder nicht auf die Toilette begleiten oder auf den Schoß nehmen, wenn Trost nötig wäre. Begründet wird das mit dem Wunsch von Eltern.
In der Grundschule sind die weiblichen Lehrer auch in überwältigendem Mass tätig. Männer begleiten in der Schule häufiger Führungsaufgaben und sind damit weniger im unmittelbaren Kontakt mit den Schülern. Erst ab der 5. Klasse treten Männer als Lehrer und Bezugspersonen häufiger in Erscheinung.

Für die Jungs ist die Abwesenheit des Männlichen ein grosses Dilemma. Umgeben von Frauen, und damit umgeben von weiblichen Ansichten, Wahrnehmungen, Regeln und Verhaltensweisen, finden die Jungen keine Vorbilder für männliches Tun. Regelmässig tun Jungs das genau das Gegenteil dessen, was aus weiblicher Sicht richtig wäre, in der Annahme, dass dies „männlich“ sei. Nach der Gleichung: männlich ist alles, was nicht weiblich ist. Tragischerweise laufen die Jungs damit in doppelter Hinsicht ins Verderben. Zum einen müssen sie sich, in Ermangelung an Vorbildern, quasi selbst erfinden. Zum anderen bekommen wenig positive Rückmeldung für ihr pseudo-männliches Verhalten von Seiten der sie umgebenden Frauen, die natürlich weibliche Massstäbe anlegen.

Jungen brauchen Männer, um selbst zum Mann zu werden. Männer begreifen mehr und mehr, wie wichtig dieser Job ist. Wichtiger noch als der Beruf. Es sollte noch mehr Samstagmorgen geben!

Mehr dazu im Vortrag: MÄNNER! Herz, Sex und Identität. Am 7.05.2015 in Stuttgart bei FRAU BLUM.